6 Flogger

Achtung, wenn du zuerst die CNs zu dieser Geschichte lesen möchtest, klick bitte [hier] oder scroll ganz nach unten.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

Es ist Donnerstag. Ich weiss das so genau, weil ich hier in diesem Café sitze, eine Tasse Tee in den Händen halte, und nervös bin. Wie jeden Donnerstag. Weil er dort drüben sitzt, zwei Tische weiter, und Kaffee trinkt. Wie jeden Donnerstag. Er beobachtet die Menschen, die an der grossen Glasscheibe des Cafés vorübergehen, und ich beobachte ihn. Unauffällig natürlich. Ich beobachte die Muskeln seiner Arme, wie sie sich unter dem kurzen Hemd bewegen. Seine delikaten Finger, mit denen er die Tasse hält. Die markanten Züge seines Kinnbogens – eine fein geschnittene Linie, die mit Licht und Schatten spielt, wenn er einen Schluck trinkt. Und sein gerader Rücken, der mir zugewandt ist. Er wirkt nach aussen entspannt, wie er so gemütlich da sitzt, aber ich weiss durch subtile Bewegungsabläufe, welche Körperspannung darunter liegt. Er hat seinen Körper im Griff. Und das strahlt er aus.
Ich kann das so genau beurteilen, weil es meine Ausrede ist. Falls doch mal jemandem auffällt, dass ich ihn beobachte. Ich studiere Kunst – könnte ich dann sagen – und er ist schön, natürlich sehe ich ihn an! Ich würde ihn gerne zeichnen. Mit Kohle auf Papier. Aber ich spreche ihn nicht darauf an, weil das seltsam wäre.
Eine plausible Ausrede, denn schliesslich studiere ich tatsächlich Kunst, und würde ihn gerne zeichnen.
Aber eben nur eine Ausrede.
Der eigentliche Grund hängt an seiner Gürtelschlaufe. Es ist ein Schlüsselbund, genauer gesagt der Anhänger am Schlüsselbund: Eine schwarze Miniatur-Peitsche.
Der Griff der kleinen Peitsche ist nicht einmal so lang wie die Schlüssel daneben. Am Griff hängen zahllose dünne schwarze Riemen. Ein Flogger, wie mir Google verriet.
Die dünnen Riemen fliessen über den Jeansstoff der Hose, mal wild durcheinander, mal hängen sie der Schwerkraft folgend glatt hinunter, mal baumeln sie fröhlich hin und her, je nach dem, wie er gerade sitzt und sich bewegt. Ich bin fasziniert von der Ästhetik des kleinen Anhängers.
Mit verkrampften Händen hebe ich meine Tasse und trinke einen Schluck Tee. Ob ich es diesmal schaffe? Jeden Donnerstag versuche ich mich dazu durchzuringen, ihn anzusprechen. Hallo – würde ich sagen – sorry, dass ich dich einfach so anspreche, aber: Der Anhänger da an deinem Gürtel, was bedeutet er dir?
Ich habe lange an dieser Formulierung gefeilt. Schliesslich könnte es sein, dass ihm gar nicht bewusst ist, dass er eine Peitsche mit sich herumträgt. Vielleicht sieht er den Anhänger als reines Schmuckstück. Ich will nicht mit der Tür ins Haus fallen. Aber ich will die Tür aufmachen, und gucken was rauskommt.
Naja, zumindest ist das der Plan. Bei jedem Schluck Tee sage ich den Ansprech-Satz in Gedanken vor mich hin, weil ich danach aufstehen werde, zu ihm rüber gehen, und ihn ansprechen. Stattdessen bleibe ich sitzen, beobachte wie der Flogger in weichen Wellen über die Schlüssel fliesst, und trinke den nächsten Schluck. Bis der Tee alle ist, und damit auch mein Grund, in diesem Café zu sitzen. Dann werde ich das Café verlassen, schweren Herzens, und mich bemühen ihn beim Hinausgehen nicht mit dem Blick zu verfolgen. Bis zum nächsten Donnerstag.
Aber im Moment ist die Tasse noch halb voll. Ich kann noch eine Weile zusehen, wie sein Hemd Falten wirft und der schwarze Flogger einen glänzenden Farbkontrast dazu bildet.
Tatsächlich interessiert mich der Flogger nicht nur aus ästhetischen Gründen. Von Google führte mich meine Flogger-Recherche zu Videoportalen, wo ich die normalgrosse Variante bewundern konnte. Das surrende Geräusch, wenn die Riemen durch die Luft zischen. Das weiche Klatschen, wenn sie auf Haut treffen. Es macht mir Gänsehaut. Ich beobachte, wie sich die Härchen an meinen Armen bei diesen Gedanken aufstellen.
Die Menschen in den Videos liessen sich die Riemen zwischen den Fingern hindurchgleiten. Weich und geschmeidig. Ich stelle mir vor, wie die Riemen meine Haut streicheln. Kühl, sanft, kribbelnd. Wie sie klatschend auftreffen – aber da verlässt mich meine Vorstellungskraft. Es heisst, der Flogger sei eine zärtliche Peitsche. Aber die Leute in den Videos zucken trotzdem. Ich kann nicht abschätzen, wie viel Schmerz ich ertragen würde.
In Gedanken spiele ich mit dem Miniatur-Flogger zwei Tische weiter. Und plötzlich spüre ich, wie ich aufstehe. Die Tasse fest in der Hand haltend gehe ich in Richtung der grossen Glasscheibe. Innerlich bin ich entsetzt darüber, dass meine Beine sich plötzlich selbständig machen. Aber ich kann mich nicht aufhalten. Wie in Trance sehe ich mir dabei zu, dass ich mich ihm gegenüber auf den freien Stuhl setze.
„Hallo,“ bringe ich heraus. Verdammt, wie ging der Satz nochmal weiter?
Er sieht auf und begegnet meinem Blick. „Ah, ist heute also der Tag.“ Seine Stimme klingt freundlich, vielleicht etwas belustigt?
Ich sehe ihn verwirrt an, völlig aus dem Konzept gebracht. „Bitte? Der Tag?“
Er schmunzelt. „Der Tag, an dem du dich traust, mich anzusprechen.“
Ich starre ihn mit offenem Mund an.
Er nippt abwartend an seinem Kaffee. Ich weiss nicht, was ich sagen soll.
Er stellt die Tasse ab, und zeigt nach hinten, zu meinem Tisch. „Du sitzt jeden Donnerstag dort, und schaust mir zu, wie ich meinen Mittags-Espresso trinke. Letzten Monat warst du mal nicht da, da habe ich mir Sorgen gemacht.“
Ich blinzle und versuche mich zu erinnern. Letzten Monat. Richtig, da haben wir mit einem Kurs einen ganztägigen Ausflug ins Museum gemacht, ausgerechnet an einem Donnerstag. Ich halte mich krampfhaft an meiner Tasse fest. Er wusste die ganze Zeit, dass ich ihn beobachte?!
„Aber am Donnerstag drauf kamst du wieder,“ fährt er fort, und stützt das Kinn in die Hand. „Und jetzt ist bald das Semester fertig, nicht wahr? Wenn du mich bis dahin nicht angesprochen hättest, dann hätte ich es getan.“
„Oh.“ Mehr bringe ich nicht raus. Meine Gedanken wirbeln durcheinander und ich kriege keinen davon zu fassen.
Er sieht mich offen und interessiert an, seine Finger streicheln gedankenabwesend den Henkel seiner Tasse.
„Ich..“ Oh Gott, ich muss irgend etwas sagen! Aber meine sorgsam zurechtgelegten Wörter sind komplett weg. Ich starre verzweifelt in meine Teetasse.
„Hm,“ macht er, nachdem ich eine Weile erfolglos versucht habe, gegen das Schweigen zwischen uns anzukämpfen. „Magst du mir denn sagen, weswegen du mich beobachtest?“
Mein Blick fällt automatisch auf den Anhänger an seinem Gürtel. Die Tischplatte zwischen uns verdeckt ihn zwar grade völlig, aber ich weiss genau, wo er sich befindet.
Er folgt meinem Blick und muss lachen. „Oh, der Flogger?“
Also weiss er doch, was er da hat! Ich spüre wie mir die Hitze ins Gesicht steigt, starre in meine Tasse und zwinge mich zum Nicken.
„Hm, hast du Erfahrung damit?“
Oh, in Gedanken? Tausende.. täglich.. Aber real? Ich schüttle den Kopf.
„Mh-hm. Aber du möchtest Erfahrungen damit machen?“
Ich nicke so heftig, dass mir die Haare ins Gesicht fallen. Es ist mir so peinlich, dass ich die Augen zukneife.
„Mit mir?“
Die Frage lässt mich stutzen. Ich zucke die Schultern. Naja, er hat den Flogger, ich habe die Neugierde, warum nicht? Mit wem sonst? Ich nicke und starre in meine Teetasse.
„Achtung,“ sagt er, und plötzlich liegt seine Hand auf meiner. Warm, fest, sanft. Ich sehe erschrocken auf und begegne seinen besorgten Blick. „Ich hatte Angst, dass du die Tasse zerbrichst,“ erklärt er. „Bist du okay?“
Ich schlucke mühsam. Bin ich okay? „Ich.. glaub ja..“ murmle ich und löse meine verkrampften Finger von der Tasse. Bloss schrecklich nervös und verwirrt.
Er sieht mich einen Moment lang an. Dann greift er an seine Hose und nimmt den Schlüsselbund, klippt die kleine Peitsche davon ab und hält sie mir hin. „Hier, daran kannst du dich festhalten, ohne dich zu verletzen.“
„Oh.“ Ich nehme sie ihm langsam ab. „Aber den will ich doch umso weniger kaputt machen?“
Er schmunzelt. „Der geht nicht so leicht kaputt. Und wenn doch, dann kaufe ich eben einen neuen. Die sind nicht teuer.“
Die Miniatur-Peitsche ist kühl in meinen Händen. Ich lasse die Riemen durch meine Finger gleiten. Sie sind starrer als ich erwartet hätte. Ich schliesse die Augen und geniesse die Berührung an den Fingerspitzen, die Gänsehaut an meinen Armen. Es ist aufregend und gleichzeitig beruhigend, mich auf die Berührung zu konzentrieren. Das Material erwärmt sich schnell. Sanft streichelt es meine Haut. An der Innenseite der Handgelenke ist es besonders intensiv. Ich würde gerne wissen, wie es sich anfühlt, damit zu schlagen. Aber ich traue mich nicht. Eine so schnelle, abrupte Bewegung würde sich in dieser Situation falsch und unpassend anfühlen.
Ich öffne die Augen wieder und sehe in sein Lächeln. Er hat mir zugesehen und wirkt.. zufrieden?
Er legt seine Hände vor mich auf den Tisch. Offen, anbietend. „Darf ich?“, fragt er.
Ich bin nicht ganz sicher was er will. Ich halte ihm den Anhänger hin.
Er nimmt ihn an, lässt seine andere Hand aber auf dem Tisch liegen. „Deine Hand auch?“
Es klingt nicht nach einem Hinweis, sondern nach einer ehrlichen Frage. Will ich ihm meine Hand geben?
Meine Neugierde siegt. Ich lege eine Hand auf seine. Sie ist trocken und fest, angenehm. Er legt seine Finger um meine Hand – nicht genug um mich festzuhalten, aber genug um sie zu stabilisieren.
Dann streicht er mit dem Flogger über meine Haut. Ich atme tief ein und schliesse meine Augen. Es kribbelt. Die Gänsehaut ist viel intensiver als wenn ich es selbst mache – sie zieht sich über meinen ganzen Körper. Er lässt die Riemen über mein Handgelenk gleiten und ich strecke es ihm entgegen. Ob er sich traut, mich damit zu schlagen?
„Hm, würdest du dich von mir damit schlagen lassen? Oder mit einem grösseren Flogger?“
Ich spüre wie ich rot werde und ziehe fast meine Hand zurück. Liest er meine Gedanken? Ich nicke.
„Magst du Schmerz?“
„Ich weiss es nicht,“ sage ich ehrlich. Wird er es ausprobieren? Ich spüre wie sich mein Körper in Erwartung eines Schlages anspannt. Aber es bleibt beim streicheln.
„Würdest du es gerne ausprobieren?“ Ich muss lächeln, weil die Frage so viel Raum lässt.
„Ja.“ Ich nicke entschieden und geniesse die Gänsehaut.
„Erregt dich der Gedanke?“, fragt er weiter.
Hm, ja, aber nicht so wie er sich das wohl vorstellt. Wie erkläre ich das denn? Ich schüttle den Kopf. „Es ist.. angenehm.. Es kribbelt, es macht Gänsehaut. Aber..“ Ich suche nach Worten.
„Aber nicht sexuell,“ beendet er meinen Satz. Es klingt nicht nach einer Frage, sondern einer Zusammenfassung. Ich nicke und sehe ihn unsicher an.
Er lächelt. Dann geht sein Blick abrupt an mir vorbei.
Ich drehe mich um und sehe, dass andere Gäste des Cafés auf uns zukommen. Sie setzen sich an den Tisch neben uns. Nicht direkt zu uns, aber nah genug, dass es sich nach einem Eindringen in unsere Privatsphäre anfühlt.
Er klippt den Flogger wieder an seinen Gürtel und sieht mich an. „Magst du dich woanders weiter mit mir unterhalten? Wo wir ungestörter sind?“
Ich stehe erleichtert auf. „Ja, bitte.“

Wir verlassen gemeinsam das Café. Draussen ist es erstaunlich kühl. Ich strecke mich und merke, dass einiges an Anspannung von mir abfällt. Erleichternd. Aber wie geht es jetzt weiter?
Er steckt seine Hände in die Hosentaschen und schmunzelt mich an. „Wie heisst du eigentlich?“
„Lex. Und du?“
„Sarian.“ Er nimmt eine Hand wieder aus der Tasche und streckt sie mir hin. „Hallo Lex. Freut mich, endlich einen Namen und eine Stimme zu dem Gesicht zu haben.“
Ich schüttle seine Hand. Sein Händedruck ist kräftig, aber nicht schmerzhaft. Ich halte seine Hand zu lange fest. „Woher hast du gewusst, dass ich dir zusehe?“ Es ist erstaunlich, plötzlich funktionieren Wörter wieder!
Er grinst und zeigt mit dem Daumen über die Schulter auf die Fensterscheibe des Cafés. „Glas spiegelt.“
Oh. Ich schlage peinlich berührt die Hände vors Gesicht. Dass mir das nicht auffiel!
Er lässt mir einen Moment, dann seufzt er. „Lex, ich weiss nicht wie du es damit hältst, aber ich lade nicht gern Fremde zu mir ein, und ich halte es auch nicht für empfehlenswert, mit Fremden nach Hause zu gehen.“
Ich nicke zustimmend und nehme die Hände wieder hinunter. Das ist auch meine Einstellung. Also einfach ein anderes Café?
„Ich habe einen vielleicht etwas ungewöhnlichen, aber eigentlich passenden Alternativvorschlag,“ spricht er weiter.
Oh? Ich blicke ihn erwartungsvoll an und er nimmt es als Hinweis, den Vorschlag auszuführen:
„Es gibt hier in der Nähe einen BDSM-Club, den ich gut kenne. Er wird um diese Zeit noch nicht offiziell auf haben, aber dort wären wir ungestört und trotzdem irgendwie auf öffentlichem Boden. Mit der Option, uns richtige Flogger und ähnliches näher anzusehen, falls du das möchtest.“
Oh. Das klingt.. ausserordentlich praktisch. „Aber wenn er noch zu hat?“
Sarian schüttelt den Kopf. „Ich bin mit den Besitzern des Clubs gut befreundet. Mindestens einer davon wird da sein und mir den Gefallen tun, uns etwas früher reinzulassen. Und wir können wieder verschwinden, bevor echte Gäste kommen. Ist das in deinem Sinn?“
Ich atme tief durch. Und ich finde keine Gründe, die dagegen sprächen. Nur das Bedürfnis, herauszufinden was weiter passieren wird. Ich nicke. „Ja. Ist es.“
„Okay!“ Er lächelt. „Dann finde ich mal raus, ob ich nicht zu viel versprochen habe.“ Er zieht ein Handy aus der Hosentasche, tippt darauf herum, und hält es sich ans Ohr.
„Hi,“ sagt er fröhlich. Er geht einen Schritt und stupst mit dem Fuss ein Steinchen weg, „gut, gut. Sag mal, das Cavern hat noch nicht auf, oder? …Doch, ich besitze eine Uhr.“ Er verdreht die Augen in meine Richtung und ich muss grinsen.
„Ja. Ich wollte fragen, ob ich mir in ungefähr zehn Minuten bei euch eine ruhige Ecke nehmen darf, um mit jemandem zu reden.“
Er hört einen Moment zu, und nickt. „Erstmal nur reden. Vielleicht schauen wir uns ein paar Spanking-Dinge an, aber nichts grosses.“
Ich würde zu gerne wissen, was die andere Person am Telefon darauf antwortet.
„Nein, niemand den du kennst. Ich habe heute das erste mal mit ihm gesprochen.“
Ich verziehe das Gesicht und mache mir im Geist eine Notiz.
Dann sehe ich, wie Sarian ebenfalls das Gesicht verzieht. Seine Stimme nimmt einen genervten Business-Tonfall an: „Sehr geehrter Herr Doktor Schwartze, ich verbitte mir diese Impertinenz und ich bestehe auf Ihre Diskretion.“ Er zwinkert mir zu. Was da wohl so impertinent war? Aber die gespielt strenge Standpauke entspannt mich. Eine Freundschaft, in der siezen als Zurechtweisung taugt, ist vertrautes Terrain. Es macht mir Sarian und den unbekannten Clubbesitzer menschlich.
„Natürlich,“ sagt Sarian jetzt ins Telefon, „und ich räume auf! Super, Danke. Dann bis gleich.“
Er steckt sein Handy wieder ein und strahlt mich an. „Ich liebe es, wenn spontane Pläne funktionieren. Geh’n wir?“
Ich nicke schmunzelnd und folge ihm.
Wir gehen schweigend nebeneinander her und ich hadere mit mir, ob ich dieses bestimmte Fass aufmachen soll. Eigentlich habe ich im Moment noch fast nichts zu verlieren, rede ich mir Mut zu. Besser jetzt als später.
„Du hast vorhin am Telefon gesagt, dass du heute zum ersten mal mit ihm gesprochen hast,“ breche ich das Schweigen. „Damit hast du mich gemeint, oder?“
„Ja, da ging es um dich.“ Er sieht mich fragend an. „Hätte ich das nicht erzählen sollen?“
Ich schüttle den Kopf. Sarian hat offenbar verstanden, dass mir etwas daran unangenehm war. Aber nicht, um welchen Teil es mir genau geht.
„Der Punkt ist,“ ich hole tief Luft und zwinge mich, es auszusprechen, „dass ich kein ‚er‘ bin. Mein Pronomen ist ‚xier‘.“
„Oh,“ sagt er. Ich sehe starr zu Boden und warte.
„Also, du meinst wie ’sie‘ oder ‚er‘, aber ‚xier‘?“, vergewissert er sich ein paar Schritte später. Immerhin, kein Spott oder Protest bisher. Meine Schultern entspannen sich etwas.
„Ja genau, ‚xier‘, quasi wie ’sie-er‘ aber mit ks am Anfang,“ erkläre ich, und spüre förmlich, wie es in seinem Kopf rattert.
„Okay, und wie funktioniert das dann? Xier, äh, füttert xiers Hund?“
Ich muss schmunzeln. Zum Glück habe ich für solche Fragen einen vorformulierten Beispielsatz parat. Und diesmal lässt mich mein Gedächtnis nicht im Stich: „Xier packt xiesen Koffer,“ rezitiere ich, „wenn du xien magst, kannst du xiem dabei helfen, dann freut xier sich.“
„Oh, xies. Okay.“ Ich höre, wie er den Satz leise vor sich hin murmelt.
„Puh, ich bin nicht sicher, ob ich das hinkriege,“ sagt er schliesslich und kratzt sich am Kopf. Ich nicke resignierend. Gleich wird er mir erklären, dass er der Einfachheit halber bei ‚er‘ bleiben wird, und dass ich das verstehen müsse, weil es schliesslich kompliziert sei.
„Kannst du mich korrigieren, wenn ich es verhaue?“, fragt er stattdessen. Ich sehe ihn erstaunt an und er verzieht das Gesicht. „Oder ist dir das zu anstrengend?“
Die Frage bringt mich zum lächeln. „Wenn es nicht zu oft passiert, kann ich das tun. Aber es ist auch okay wenn du ‚xiers‘ sagst, Hauptsache nicht ‚er‘ oder ’sie‘,“ beruhige ich ihn.
„Oh, gut.“ Er erwidert mein Lächeln. „Ich geb‘ mir Mühe.“
Mein Herz macht einen Hüpfer und ich sehe lieber schnell wieder zu Boden. „Danke,“ murmle ich nach einer Verschnaufpause.
„Klar,“ sagt er leichthin, und zeigt dann nach vorne. „Da hinten nach der Ecke ist es übrigens schon.“
Das waren wirklich kaum zehn Minuten.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

Die CNs für diese Geschichte:

Flogger (keine Schläge), sensual Play, vermeintlich nonconsensual Voyeurismus/Stalking, Negotiation, misgendern (mit Happy End)

Klick [hier] um zum Anfang der Geschichte zu gelangen.