27 Bibliothek


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Aleia befand sich auf einer geheimen Mission!

Wie üblich hatte sie im Stress der Klausurphase zahlreiche Bücher aus der Akademie-Bibliothek ausgeliehen, um zumindest das GEFÜHL zu haben, gut vorbereitet zu sein. Und jetzt, nach den Klausuren, schleppte sie die Stapel zurück zur Bibliothek. Immerhin in drei Viertel der Wälzer hatte sie zumindest mal reingeschaut!
Aber es gab ein Problem: Offenbar war beim Ausleih-Prozess eines der Bücher durchgerutscht. Laut Bibliothekskatalog stand es nämlich an seinem Platz im Bibliotheksregal, wo es hingehörte, und war seit zwei Jahren nicht ausgeliehen worden. Aber Aleia hielt es in der Hand und wusste, dass diese Angabe nicht stimmte.

Natürlich hätte sie es trotzdem einfach zurückgeben können. Aber dann hätte sie zugeben müssen, dass sie es quasi unerlaubt mitgenommen hatte. Und das kam nicht in Frage!
Stattdessen schlich sie jetzt durch die gespenstisch stillen Gewölbe der Bibliothek, um das Buch eigenhändig an seinen ordentlichen Platz zurückzubringen. Sie fühlte sich wie eine Diebin — obwohl sie ja jetzt gerade das Gegenteil von stehlen machte!

Eine kleine Lichtkugel schwebte ihr voran, wies ihr den Weg und erhellte die Gemäuer. Besonders auf den vielen vielen Treppenstufen nach unten war das eine unüberschätzbare Hilfe. Die Bibliothek war wie ausgestorben — seit Aleia aus der Haupthalle abgebogen war, hatte sie niemanden mehr angetroffen. Nicht überraschend, aktuell waren Trimesterferien. Aber ein bisschen unheimlich war es schon. Andererseits auch perfekt für Aleias geheime Mission!

Sie erinnerte sich noch dumpf daran, in welcher Ecke des ausgewiesenen Raumes sie das Buch gefunden hatte. Irgendwo hinten und dann ganz unten. Langsam ging Aleia die Reihen entlang und suchte das richtige Regal. Ihr Finger strich den Einbänden der Bücher entlang. Sie mochte, wie sich die Bücher anfühlten, die rauen und glatten Stellen, die Kerben und Prägungen, die unterschiedlichen Breiten.

Eine Stimme raunte in ihr Ohr: „Böses Mädchen!“
Aleia fuhr herum! Aber da war niemand.
Ihr Herz pochte, sie drückte das gestohlene Buch erschrocken an sich. „W-wer ist da?“, fragte sie in die Stille hinein.
Ihre Stimme hallte in dem verlassenen Gewölbe.

„Du riechst gut,“ sagte eine Stimme direkt neben ihr.
Sie drehte sich erschrocken um. Vor ihr stand eine Gestalt und pflückte gelassen das Buch aus Aleias Armen.
Aleia starrte sie verdattert an. Die Gestalt hatte auffallend lange dunkelbraune Haare und trug ein luftiges, durchscheinendes Gewand — definitiv nicht die Uniform der Bibliotheksverantwortlichen!

Aleia merkte, dass sie den Körper der Person anstarrte, und hob blinzelnd den Blick. Die Gestalt hatte inzwischen unbeirrt das Buch aufgeklappt und blätterte gelassen darin.
„Ähm,“ Aleia räusperte sich mutig, „das ist mein Buch!“
Die Gestalt sah auf und legte den Kopf schief. „Es gehört der Bibliothek, oder?“
Aleia wurde rot. „Ich bin nicht hier, um über Besitz und Eigentum zu diskutieren!“, sagte sie, und war innerlich überrascht darüber, wie aufgebracht sie klang. „Ich bin für das Buch verantwortlich, also gib es mir zurück!“ Sie hielt auffordernd die Hand hin.

Die Gestalt klappte das Buch zu und legte es in Aleias ausgestreckte Hand. Dabei berührten sich ihre Finger. Aleia spürte ein seltsames Kribbeln.
„Was ist mit dem Buch, dass es dir so starke Gefühle macht?“, fragte die Gestalt interessiert.
„Ich, äh..“, Aleia drückte schnell das zurückeroberte Buch an sich und stockte. Die Person gehörte ganz offensichtlich nicht zur Bibliothek, also konnte sie vermutlich ehrlich sein. Oder? Aleia verzog das Gesicht. „Es ist mir peinlich, okay?!“ Sie deutete hinter die Gestalt, wo sie mittlerweile die gesuchte Lücke entdeckt hatte. „Lass es mich einfach zurückstellen, ja?“

„Oh!“ Die Gestalt verstand Aleias Geste und ging zur Seite. Dann lachte sie. „Dass es dir peinlich ist, weiss ich, darum riechst du ja so gut. Aber warum?“
Aleia war in die Hocke gegangen, um das Buch in die Lücke auf dem untersten Regal zu stellen. Aber der Satz der Gestalt liess sie innehalten. „Bitte? Du riechst das!?“

„Ja!“ Die Gestalt nickte eifrig. „Warte!“, sagte sie.. und verschwand. Sie war nicht weggerannt — Aleia stand sicherheitshalber auf und guckte um die Biegung des nächsten Bücherregals — sie war einfach weg.
Kopfschüttelnd wollte Aleia endlich das Buch wegstellen — da stand die Gestalt plötzlich wieder vor ihr. „Wha!“ Sie zuckte zurück.
Die Gestalt legte ihr unbeirrt ein weiteres Buch in die Arme und klappte es hilfreich auf. „Hier, das bin ich!“ Sie tippte auf die geöffnete Seite.

Aleias fing sich. Ihre Augen fanden geübt die erste Überschrift und begannen zu lesen. Dann schüttelte sie den Kopf und las nochmal. Endlich sah sie auf, wo die Gestalt sie erwartungsvoll anguckte. „Du.. du bist ein Gefühlsvampir?“, fragte sie langsam.
Die Gestalt wiegte den Kopf hin und her. „Unschöner Begriff, aber im Grossen und Ganzen ja.“
„Und du ernährst dich von Leuten, denen etwas peinlich ist.“
„Nicht von den Leuten, von den Gefühlen!“
„Okay?“

Die Gestalt zog das andere Buch wieder unter dem aufgeklappten hervor und hielt es in die Luft. „Das gehört der Bibliothek!“, sagte sie in strengem Tonfall. Aleia spürte, wie sie rot wurde. „Ich weiss! Darum will ich ja auch..“ aber mitten in der Verteidigung hielt sie inne. Warum rechtfertigte sie sich überhaupt? Fehler passierten nunmal, das war doch nicht schlimm..
Aleia starrte überrascht die Gestalt an, die stolz grinste. „Normalerweise esse ich nicht alle Gefühle auf,“ erklärte die Gestalt, „sondern lasse etwas übrig. Aber ich dachte, jetzt so zum demonstrieren ist das ganz nützlich.“

„Wow.“ Aleia klappte mit Mühe ihre Kinnlade wieder hoch.
Die Gestalt nickte. „So etwa drei mal im Jahr ist es hier extrem voll und lecker..“
„Die Klausurphasen!“
„..aber jetzt grade muss ich mich echt anstrengen, was zu finden!“
„Ja, weil Ferien sind.“
Die Gestalt nickte. „Aber du bist hier.“

„Wow!“, wiederholte Aleia und klappte das Buch zu. „Okay. Aber,“ sie runzelte die Stirn, „warum hast du mich überhaupt angesprochen? Du hättest doch einfach unbemerkt meine Gefühle, äh, essen können, oder?“
„Mh.“ Die Gestalt blickte zu Boden.
Aleia musste lachen. „Ist DIR das jetzt peinlich?“
Die Gestalt nickte. „Du warst schon mal hier.“ Sie zeigte auf die Lücke im Bücherregal. „Da war ich auch hier.“ Sie stellte sich neben die Lücke. „Ich stand genau hier. Und du da.“ Sie zeigte auf den Boden vor sich. Dann sah sie schüchtern zu Aleia auf. „Du hast mich nicht gesehen, aber du warst plötzlich.. ganz nah. Und du hast mich ganz intensiv angeschaut, als würdest du mich doch sehen.“ Die Stimme der Gestalt wurde leiser.“ Ich mochte das..“

„Oh.“ Aleia versuchte sich zu erinnern. Die Klausurphase war in ihrem Gedächtnis ziemlich verschwommen. Aber.. „Hm! Ich glaube, ich weiss, was du meinst.“ Da war ein Kribbeln gewesen. Vielleicht hatte sie deswegen verpasst, das Buch ordentlich auszuchecken.

Sie betrachtete nachdenklich die Gestalt, die sie ihrerseits interessiert und vielleicht etwas nervös ansah. Dann machte Aleie einen entschlossenen Schritt auf sie zu. Die Gestalt riss die Augen auf. Wieder standen sie sich ganz nah. Aber diesmal konnte Aleia die Gestalt sehen und bekam ihre Reaktion mit, wie sich ihr Körper anspannte und ihr Atem stockte. Und diesmal spürte sie, dass das Kribbeln von der Gestalt ausging.

Aleia machte einen Schritt zurück und sofort entspannte sich die Gestalt wieder. „Oh..“, hauchte die Gestalt, „ja, genau so war das.“
„Hm,“ Aleia schmunzelte, „mochtest du das?“
Die Gestalt nickte.
„Darf ich etwas ausprobieren?“
Die Gestalt legte den Kopf schräg. Dann nickte sie erneut.
Aleia legte das Buch zur Seite. Dann trat sie wieder auf die Gestalt zu, fasste ihre Hände, und führte sie über dem Kopf der Gestalt zusammen, hielt sie dort fest.

Die Augen der Gestalt weiteten sich erneut. Ihr Mund öffnete sich, aber kein Ton kam heraus.
Aleia hielt die Position einen Moment, dann liess sie wieder los. Die Gestalt fiel ihr beinahe in die Arme.
„Oh..“, seufzte sie, „ja. Gute Idee.“

Aleia stützte sie, bis sie wieder sicher stand. „Ja, das hat sich gut angefühlt,“ stimmte sie zu. „Kannst du diese Gefühle auch essen?“
Die Gestalt schüttelte den Kopf. „Nein, die Gefühle sind nur zum fühlen.“
„Hm. Gefühle nur zum fühlen. Sollen wir davon mehr machen?“
Die Gestalt nickte begeistert.

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Die CNs für diese Geschichte:

Magie existiert, Fabelwesen, Erwähnung von Klausurstress, allein in abgelegenem einsamem unterirdischen Gemäuer, Negotiation, Person körperlich gegen eine Wand drängen, Hände über Kopf festhalten

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